Norbert Schreiber Russland - Der Kaukasische Teufelskreis oder Die lupenreine Demokratie Hrsg. v. Norbert Schreiber Vorwort zu dem Buch Wieser Verlag Klagenfurt
In diesem Buch wurde bereits 2008 prognostiziert, dass nach einer Rochade Medwedjew/Putin eine dritte Amtszeit des russischen Präsidenten Wladimir Putin beginnen könnte.
Ein Buch mit Russland-Analysen
Mit Beiträgen von: Mainat Abdullajewa - Volker
Beck - Joschka Fischer - Erich Follath - Lutz Güllner - Hans Georg
Heinrich - Kerstin Holm - Gerd Koenen - Anne Sylvie König - Sergei
Kowaljow -Monika Maron - Predrag Matvejević - Wolfgang Petritsch - Anna
Politkowskaja - Ilja Politkowski - Boris Reitschuster - Thomas Roth -
Michael Ryklin - Yuri Safronov - Dirk Sager - Matthias Schepp - Irina
Scherbakowa - Eduard Schewardnadse - Herwig Schinnerl - Susanne Scholl -
Norbert Schreiber - Jens Siegert
DER SPIEGEL: „Herr Putin,
sind Sie ein lupenreiner Demokrat?“
Putin: „Ja, natürlich bin ich ein echter Demokrat.“
Auf dem
Titelbild des amerikanischen Nachrichtenmagazins TIME glänzt Wladimir
Wladimirowitsch Putin als „Mann des Jahres 2007“- pr-prächtig und global
gekürt. Aber was wird aus dem Hoffnungsträger des Westens 2008? Wird es ihm
gelingen, in seiner neu einzunehmenden Rolle noch einmal auf das Titelbild der
politischen Magazine zu kommen? Nun ist die altbekannte Kreml-Astrologie wieder
gefragt, die jene Frage hin- und herwälzt, wie sie einst der Philosoph Karl
Jaspers für Deutschland formuliert hat und die in unserem Fall lautet: Wohin
treibt Russland? Eine russische Redewendung behauptet: „Die Vergangenheit ist
nicht vorherzusagen!“ Die Ideologen an der Macht bestimmten jeweils die
Interpretationsmuster dafür. Doch wie steht es um die Vorhersage der Zukunft
Russlands? Entwickelt sich die liberale Marktwirtschaft mit pluralistischen
Elementen zu einer wirklichen und damit nicht gelenkten Demokratie? Oder wächst
vielmehr die vertikale starke Staatskomponente krakenhaft in einem auch
weiterhin autokratischen, autoritären, ja vielleicht sogar wieder
diktatorischen politischen System - erneut gefangen in den alten Denkmustern
früherer Regime? Mit der Einschränkung der Meinungsfreiheit, der
Disziplinierung der regionalen Politikinstanzen und der Rekrutierung von
Karriere-Beamten aus Militär und Geheimdiensten wurden von Putin die Weichen in
Richtung Zentralisierung und Militarisierung des Systems bereits gestellt
(Margareta Mommsen).
Die Frage
aber bleibt: Wer wird Russland bei einem Erstarken des neuen Patriotismus und
Nationalismus in eine demokratische
Zukunft führen?
Putin tarnt
sich noch in der Puppe - in welcher politischen Rolle wird er aus ihr
heraussteigen? Der Journalist Witali Tretjakow hat die „Matrjoschka“
bereits in Händen, als er weitsichtig formulierte: „Schaut man auf ihn von
einer Seite her, so ist er ein Konservativer, schaut man auf ihn von der
anderen Seite her, so ist er ein Liberaler, dreht man ihn, ist er ein
Bolschewik, und dreht man ihn erneut, ist er ein Anti-Kommunist.“ (Margareta
Mommsen/Angelika Nußberger „Das System Putin“)
Der
Historiker Afanasjew weist zudem darauf hin, dass in Russland „mehrere
Wirklichkeiten“ existieren, und der Schriftsteller Danil Granin nennt sein
Russland das „Land der permanenten Lüge.“
Ein solcher
Verwandlungskünstler als Politiker ist also eine vielseitig verwendbare
Allzweckwaffe - auch auf internationalem Parkett. So verwunderte es nicht, dass
die Lösung in der „Operation Nachfolger“ frühzeitig lautete: Rochade zweier
altbekannter Freunde, die sich wechselseitig einen Rollentausch andienen. Putin
empfiehlt Medwedjew, und Medwedjew rät zu Putin. Ein
„Bäumchen-Wechsel-Dich-Spiel“, um auch weiterhin in der Machtetage komfortabel
Platz nehmen zu können; nach der Spielart „Reise-nach-Jerusalem“. Es wird das
Amt politisch besetzt, das gerade frei wird, und in der Runde muss alles beim
Alten bleiben.
Wer aber
ist der neue junge Kremlbewohner? Dmitri Medwedjew, 43 Jahre alt, gilt jetzt
schon als Garant für Stabilität und die Fortsetzung des bisher von Putin
eingeschlagenen Kurses. Beide kennen sich seit St. Petersburger
Universitätszeiten, und sie sind Verbündete. Medwedjew hat bisher nicht
versucht, mit antiwestlichen Parolen innen- oder außenpolitisches Profil zu
gewinnen. Daher atmet die Welt etwas auf angesichts des neuen Kreml-Kandidaten.
Medwedjew,
am 14. September 1965 geboren, stammt wie Putin aus St. Petersburg. Er wuchs in
einem Arbeiterviertel auf, studierte Jura und widmete sich Wirtschaftsfragen.
Er lehrte an der Universität. Unter dem Reformbürgermeister Anatoli Sobtschak
saß er im Ausschuss für Auswärtige Beziehungen. Mit Wladimir Putin, seinem
unmittelbaren Vorgesetzten, war er auch in einem Gremium vertreten, das sich
mit Auslandsinvestitionen beschäftigte. Seit dem Jahr 2000 war er als Vertreter
des Kreml an der Liberalisierung des Energieriesen Gasprom beteiligt. Dann
übernahm Medwedjew die Leitung der Präsidentenadministration. Ab 2005 war
Medwedjew als stellvertretender Ministerpräsident für Gesundheit, Wohnungsbau
und Bildung zuständig. Dmitri Medwedjew ist Vizepräsident und
Aufsichtsratsvorsitzender des staatlichen Gasmonopolisten Gasprom. Der „Neue“
weiß also um die Machtmittel, die ihm mit dem weltweit größten
Erdgasproduzenten an die Hand gegeben sind. (Kapitel )
Der
vorabbestimmte Nachfolger Putins in direkter Erbfolge hält sich für einen
Liberalen, dennoch wirbt er mit dem schlagkräftigen Ordnungsmotto: „Ich oder
das Chaos?“ Zu seiner persönlichen russischen Chaostheorie gehört das ordnende
Stabilitätselement seines ehemaligen Chefs, Wladimir Putin, in dessen
Fußstapfen er treten will. Das Gegengeschäft ist bereits ausgehandelt, und die
Loyalitätsadresse von ihm kam prompt - Dmitri Medwedjew: „Ich halte es für
höchst wichtig für unser Land, Wladimir Wladimirowitsch Putin im höchsten Amt
der Exekutive zu halten, dem Amt des Regierungschefs der Russischen
Föderation.“
Die
Kurzformel für Putin heißt Umzug - aus dem Krem raus und hinein ins „Weiße
Haus“. Russland wird dann von einer Doppelspitze regiert. Wladimir Putin will
sich fortan-so versprach er im TIME-Interview - um soziale und ökonomische
Probleme kümmern, ohne groß an den Verfassungszuständigkeiten zwischen
Präsident und Premier zu rütteln. Und auch als Ex-Staatspräsident sichert er
bereits in Beruhiger-Geste zu, Russland wolle keine Großmacht werden, die
anderen Ländern ihre Meinung aufzwingt. Putin - der „lupenreine Demokrat“, wie
schon der deutsche Ex-Kanzler versicherte und wie es der russische
Staatspräsident im SPIEGEL-Interview in Selbsteinschätzung bestätigte?
Das
Vielfachgesicht des Wladimir Putin zeigt sich auch hier wieder deutlich im
anpassungsfähigen Minenspiel, und seine Doppelzüngigkeit wird dabei
gleichzeitig vernehmbar: Zwischen seinem Reden und politischem Handeln klafft
leider eine Glaubwürdigkeitslücke, die von deutschen investigativ arbeitenden
Journalisten offenbar klarer eingeschätzt worden ist als vom Magazin TIME. Die
deutsche Journalistenorganisation „Netzwerk Recherche“ hob den russischen
Staatspräsidenten bei einer europäischen Journalistentagung auch ins
Rampenlicht der Medien - allerdings nicht hinauf auf das
Mann-des-Jahres-Podest, vielmehr verbunden mit eher negativer Publizität. Sie
verliehen als Preis an Putin die „Verschlossene Auster“. Die Auszeichnung geht
an Menschen oder Institutionen, die insbesondere über heikle Themen die
Öffentlichkeit nicht informieren wollen, „als mahnendes Symbol für mangelnde
Offenheit gegenüber den Medien“.
Dabei
beklagt Putin sich selbst, er würde von den Medien unfair behandelt. Da über 90
Prozent der Medien in Russland kremlabhängig sind, ist er unfair zu sich
selbst. Im Zeitraum der beiden Amtsperioden wurden 21 Journalisten ermordet,
sind 300 Ermittlungsverfahren gegen Journalisten eingeleitet worden, wurden bei
Pressekonferenzen nur regierungsfreundliche Journalisten zugelassen,
Westkorrespondenten festgenommen, nicht akkreditiert, ausländischen Journalisten
die Einreise verweigert - das sind die neuen „alten“ Methoden der „lupenreinen
Demokratie“. Den russischen Journalistenkollegen verweigern Behörden die
Informationen oder sie werden einfach verprügelt. Heribert Prantl, politischer
Redakteur der „Süddeutschen Zeitung“ und rechtsstaatliches Gewissen in
Deutschland: „Die Meinungsfreiheit in Russland ist die Freiheit, Putin zu
lieben.“
Russische
Künstler verneigen sich in devoter Geste gegenüber Putin und fordern ihn zum
Verbleiben in der Politik auf: „Russland braucht ihr Talent als Staatsmann,
Ihre politische Weisheit“, heißt es in einem Brief der Russischen Akademie der
Künste im Namen der ganzen Künstlergemeinde, von einzelnen Prominenten
unterzeichnet Die elektronischen Medien nicht weniger ergeben. Wochen vor der
Duma-Wahl betrafen über 93 Prozent der Nachrichten in der Hauptsendezeit Putin
und den Kreml. Die Polizei, Putins Freund und Helfer, erteilte zugleich
gegenüber aufsässigen Journalisten Aufträge, „etwas ziemlich mildes“ über den
Präsidenten zu berichten. WELT online berichtete dagegen realitätsnäher über
die Lage der Journalisten: „Viele nehmen Zensur als Einschränkung am
Arbeitsplatz hin wie einen unbequemen Sessel oder eine schlecht eingestellte
Klimaanlage“. Fatalismus macht sich also breit, und die Schikanen gegenüber
Journalisten nehmen täglich zu, die ständigen Verleumdungs- und
Beleidigungsvorwürfe münden in bis zu 50 Strafverfahren pro Jahr.
Zwischen
„Mann des Jahres“, Muskelmann mit nacktem Oberkörper und politischem Geheimniskrämer
mit Geheimdiensterfahrung, der seine Gegner verfolgt, schwankt das öffentliche
„Macho-Image“ des starken Mannes, der bisher im Kreml mehr als hemdsärmelig
regierte. Putin ein „Muschik“, ein Macho mit soldatischer Lebensauffassung,
kraftstrotzend, Entbehrung aushaltend, in ständigem Kampf um den Erfolg im
Leben, in der Politik und auf globalem Parkett. Der Korrespondent der ZEIT in
Moskau, Johannes Voswinkel, analysiert allgemein den russischen Mann so:
„Russland hat als Kehrseite seiner autoritären Herrschaft bis heute einen
althergebrachten männlichen Chauvinismus bewahrt.“ Liegt hierin auch eines der
vielen „Russland-Rätsel“ begründet? Und in der damit verbundenen Bereitschaft
Gewalt anzuwenden...?
Den
freiheitsbeschränkenden Maßnahmen im Inneren stehen massive Drohgebärden nach
außen gegenüber. Der KSE-Vertrag über die Begrenzung konventioneller
Streitkräfte wurde auf Eis gelegt. Mit 100. 000 Soldaten in Tschetschenien
hatte Russland sowieso gegen den Vertrag über konventionelle Streitkräfte in Europa
verstoßen, ohne dass das jemand besonders aufgefallen oder geahndet worden
wäre. Die militärische Supermacht schickt wieder russische Langstreckenbomber
in den Himmel. Von sieben Flugplätzen aus waren 14 Flugzeuge mit
Begleitmaschinen zu Einsätzen aufgebrochen, die außerhalb des Territoriums
Russlands lagen. Russland und China kooperieren bei einer Militärübung mit vier
zentralasiatischen Staaten, um im gemeinsamen Manöver Einsätze gegen
Extremisten in einer Attrappenstadt zu üben. Die Shanghai Cooperation
Organisation (SCO) in der Russland, China, Tadschikistan, Kasachstan, Kirgistan
und Usbekistan vertreten sind, arbeiten auf strategischer und
sicherheitspolitischer Ebene zusammen. Russland und China wollen ihren Einfluss
in der öl- und gasreichen Region stärken im „Machtmosaik Zentralasien“.
(Zeitschrift Osteuropa) Russland
testete auch neue Interkontinentalraketen. Unter dem Nordpol wurde in vier
Kilometern Tiefe die russische Flagge in den Meeresboden gerammt und damit
Moskaus Anspruch auf die Rohstoffe im Nordpolarmeer demonstriert. Russland will
auch eine stärkere Präsenz seiner Flotte im Mittelmeer anstreben. Dies sind nur
einige der äußeren Bedingungen, die Russlands Machtgehabe in der Amtszeit
Putins gekennzeichnet haben.
Und wie
waren die Verhältnisse im Inneren? Das vom absterbenden Kommunismus und
zerfallenden Weltreich übriggebliebene ideologische Vakuum wurde mit
demonstrativer Machtfülle, erhabenem Nationalstolz, militärischem Geprotze,
potentem Patriotismus und ausufernden Geheimdienstaktivitäten ausgefüllt. Dem
Ringen um internationale Anerkennung als „Global Player“ auf der Weltbühne
wurden Machtdemonstrationen nach innen entgegengesetzt. Putin schuf sich mit
18.000 Mitarbeitern einen eigenen Geheimdienst, den der Studienfreund Aleksandr
Bastrykin leitet und der nur formal der Generalstaatsanwaltschaft angegliedert
wurde. Seit Putins Amtsantritt bestimmen in der Vertikale der Macht[3]
die Staatsorgane und Institutionen, wo es politisch und gesellschaftlich
langgeht, während die Zivilgesellschaft ein kümmerliches Dasein fristet - kaum
beachtet, intensiv kontrolliert, politisch verfolgt oder wirkungsvoll mit
juristischen Tricks und Boshaftigkeiten ins gesellschaftliche Abseits
manövriert.
Die
Historikerin Irina Scherbakowa vermisst in Russland eine übergeordnete
wirkungsvolle moralische Instanz als gesellschaftliches Regulativ. Aber wer
könnte das sein? Die Literatur als Werte-Lieferant spielt diese aktive Rolle
längst nicht mehr. Russland müsste sich schämen können, meint die Wissenschaftlerin.
(Kapitel...) Anlässe wären ja genug da, insbesondere in Tschetschenien. Bis zu
100.000 Zivilisten sollen allein in beiden Tschetschenienkriegen im
„Teufelskreis Kaukasus“ getötet worden sein. In beiden Kriegen verloren 120.000
Menschen ihr Dach über dem Kopf. Russland zerrt um der territorialen Integrität
willen an den Grenzen, will im „Teufelskreis Kaukasus“ halten, was als Staat
nicht unabhängig werden darf, und zerrt neue Regionen in seinen Einfluss- und
Machtbereich. (Kapitel )
Die im
Westen so geschätzte und eingeschätzte - jedoch vermeintliche - Stabilität und
Ordnung ist in Wahrheit brüchig: Die Reformen liegen in Russland auf Eis, die
Korruption ist nicht wirklich besiegt, das kleine Geschäft funktioniert zwar,
aber das „Big-Business“ geht mit seinem Profit am Großteil der Menschen vorbei.
Energiegeladen
geht Russland dennoch weiter seinen Weg zum Global Player als wieder beachteter
weltweiter Energielieferant, - jedoch bei steigenden Verbraucherpreisen für Gas
und Lebensmittel im eigenen Land.
Was ist das
für eine Stabilität in der „lupenreine Demokratie“, wenn Russland sich ständig
in „Mordversuchen“ an Menschenrechten übt und auch an tatsächlichen und
unaufgeklärten Tötungsdelikten kein Mangel ist, zum Beispiel in
Journalistenkreisen, Geheimdienstmilieus und im Alltag.
Anna
Politkowskaja, kritische Journalistin der „Nowaja gaseta“, deren brutale
Hinrichtung noch immer nicht aufgeklärt ist, schaffte es nicht, posthum zur
„Frau des Jahres“ ernannt zu werden, aber immerhin wurde ihr wenigstens im
Westen nach ihrer Ermordung öffentliche Aufmerksamkeit zuteil. Ihre Tagebücher
wurden bei DuMont veröffentlicht, im Wieser Verlag erschien mein Buch die „Anna
Politkowskaja. Chronik eines angekündigten Mordes“ mit großer Presseresonanz,
die Akademie für Bildende Künste Berlin organisierte Gedenkveranstaltungen und
Diskussionen, die PeterWeiss Stiftung rief anlässlich des zweiten „Jahrestages
der politischen Lüge“, europaweit-sogar in Moskau-zu Gedenkveranstaltungen auf.
Es trafen sich Künstler, Publizisten, Journalisten, Wissenschaftler,
Theaterleute und Filmemacher, um bei Aufführungen, Lesungen, Diskussionen auf
das Schicksal Anna Politkowskajas aufmerksam zu machen. Mehr als eine Million
Menschen hat an über 100 Veranstaltungen teilgenommen. Gemeinsam mit Gerd
Koenen habe ich Anna Politkowskaja - mit folgender Begründung für den
Friedenspreis des deutschen Buchhandels vorgeschlagen: „Wenige haben derart
selbstlos und kompromisslos alle ihre literarischen und investigativen
Fähigkeiten und ihre gesamte berufliche Karriere in den Dienst eines
unbestechlichen Rechtsempfindens, eines leidenschaftlichen Eintretens für
Menschenrechte und die Rechte von Minderheiten, für Frieden und Verständigung
eingesetzt.“
Welche
Dramaturgie? Es kann kein Zufall sein. Als wäre die terminliche Konstellation
vom Kreml absichtsvoll inszeniert, ist am Tag der Verleihung des
Friedenspreises des Deutschen Buchhandels Wladimir Putin beim „Petersburger
Dialog“ Staatsgast in Wiesbaden, als müssten er und sein PR-Tross publizistisch
gegensteuern. Es wäre gar nicht nötig gewesen, denn in der Jury wurde Saul
Friedländer mit knapper Mehrheit der Friedenspreis zuerkannt - mit einem Blick,
der in die Vergangenheit statt in die Gegenwart oder Zukunft geworfen wurde.
Doch die literarische Anerkennung für die russische Journalistin ließ nicht
lange auf sich warten: Anna Politkowskaja wurde der Geschwister-Scholl-Preis
posthum für ihr kritisches „Russisches Tagebuch“ verliehen. (Kapitel )2007 erhielt die „Nowaja gaseta“ auch den
Henri Nannen Preis, weil dieses regierungskritische Blatt Russlands regelmäßig
über Korruption, Menschenrechtsverletzungen und Einschränkungen der
Pressefreiheit berichtet.
Gabriele
Krone-Schmalz, ehemalige Fernsehkorrespondentin und im „Petersburger Dialog“ in
dessen Lenkungsausschuss aktiv, meinte in ihrem neuesten Buch, es fehle in der
Berichterstattung in Deutschland der Versuch, russische Standpunkte
wahrzunehmen. Sie stimmte damit in die allgemeine Kritik an der Presse ein; für
sie sind es nämlich die Westmedien, die sich angewöhnt hätten, ihre Vorurteile
über Russland in die Form der „Putin-Schelte“ zu packen. Der
„Russland-Flüsterer“ und „Gasprom-Propagandist“ Gerhard Schröder hat eine
weitere Russland-Versteherin als Partnerin gewonnen. ´Beide sollten sich einmal
mit zwangsexilierten, auf der Flucht befindlichen oder gefolterten
Tschetschenen unterhalten, sich die Gerichtsakten vom europäischen Gerichtshof
für Menschenrechte kommen lassen oder einfach einmal die wachsende Reihe
demokratiekritischer Russlandbücher ins Leseregal stellen, um wenigstens ein
bisschen darin zu blättern.
Auch
Journalisten riskieren seit 2006 Sanktionen nach dem „Terrorismusgesetz“, denn
schon die Kritik an einem Amtsträger oder ein Bericht über eine aufgelöste
Demonstration kann als Rechtfertigung von Extremismus bezeichnet werden. Eine
Demonstration des Gegenkandidaten von Putin, Garri Kasparow, reichte aus, um
den Ex-Schachweltmeister in den Inlandsgeheimdienst FSB vorladen zu lassen.
Oppositionelle Kräfte in Russland fürchten nun, von diesem Gesetz der
Staatsmacht kriminalisiert zu werden, so wie die Tschetschenen im „Teufelskreis
des Kaukasus“ zu Terroristen ernannt werden. Anna Politkowskaja beschreibt die
Vorgänge in diesem Buch in ihrem letzten Manuskript, das sie vor ihrer
Ermordung geschrieben hat. Tschetschenien
bleibt die Kriegs- und Krisenregion im „Teufelskreis Kaukasus“ und
die Achillesferse des russischen Reiches, das um Zusammenhalt und Identität
kämpft und weitere Souveränitätsrechte nicht mehr teilen will, schon weil
energie- und geostrategische Interessen sich im Kaukasus und in den
zentralasiatischen Republiken neu paaren.
Es sind
„bleierne Zeiten“ in Russland, wie Irina Scherbakowa konstatiert.
Putin relativiert zum Beispiel Stalins Säuberungen mit dem Hinweis auf den
Nationalsozialismus und Amerikas Kriegsengagement in Vietnam sowie die
Atombombeneinsätze in Hiroshima und Nagasaki. Putin beherrscht die
„Ablenk“-Waffe. Joschka Fischer beleuchtet den russischen Versuch des Wiederauftritts
auf der internationalen Politik-Bühne. Der
Verwandlungskünstler Putin schaffte es sogar, allerdings nicht persönlich,
sondern mit der Thematik „Politkowskaja“, auf die reale Bühne des Hans Otto
Theaters zu kommen - in Potsdam, wo einst die Aufteilung in Ost und West nach
dem Zweiten Weltkrieg begonnen hatte. Dort wurde das Theaterstück „Putin hat
Geburtstag“ mit großer öffentlicher Publikums- und Presseresonanz aufgeführt.
(Kapitel...)
Auf der
Bühne als Rollenfigur wie im richtigen Leben ist Putin der Überraschungs- und
Verwandlungskünstler, der auch weiß, wie er sich noch zu Lebzeiten ein Denkmal
setzen kann. Die Öffentlichkeit wähnte ihn schon in der Rolle eines wandelnden
IOC Präsidenten, als er in einer Charmeoffensive mit gigantischen
Investitionsversprechen verbrämt und als begeisterter Skifahrer motiviert die
Olympischen Spiele für 2014 nach Sotschi „beorderte“.
Von Dmitri
Medwedjew wissen wir derzeit noch nicht, welche Sportarten er besonders gut
beherrscht, doch es ist bekannt, dass er - wie Gerhard Schröder -,Fan der
deutschen Rockband „Scorpions“ ist. Ihr Erfolgstitel heißt „Winds of Change“.
Woher der Wind in Russland künftig weht und welche Wechsel bevorstehen, das
sind wieder einmal neu aufgegebene Fragen für die Beobachter, Journalisten,
Wissenschaftler und Politiker, die auf dieses Russland genauer schauen müssen. Michail
Gorbatschow kritisierte beim „Petersburger Dialog“ eine „gewisse Nichtachtung
von Russland“, der Annäherungsprozess sei zum Stillstand gekommen, der Dialog
braucht einen „zweiten Atem“. Aber wofür? Auch Anna Politkowskaja hat dem
Westen klar die Leviten gelesen: „Der Westen kann alles. Doch der Westen will
nichts-gar nichts“.
Klaus Helge
Donath formuliert es in dem Buch „Der Krieg im Schatten“ von Florian Hassel so:
„Der Westen erweist dem demokratischen Russland gleichwohl einen Bärendienst,
denn in Russland haben Bürger- und Menschenrechte stets nur dann Fortschritte
gemacht, wenn Moskau sich internationalem Druck ausgesetzt sah. Seit dem 11.
September hat sich der Westen als Mahner verabschiedet und ist als Claqueur
zurückgekommen.“
Heute
sollte der Westen auch angesichts des Wachwechsels im Kreml genauer nachfragen
und hinschauen, ob in Russland eine lupenreine Demokratie herrscht und Putin
wirklich als „echter Demokrat“ handelt. Wie alle Beiträge in diesem Buch
zeigen, besteht daran mehr als ein Zweifel. Dieses Buch kann also als Lupe
benutzt werden. Ich empfehle es dem an Russland interessierten Leser als
optisches Hilfsmittel für eine genauere Sicht. Denn auch wenn man ein Land
liebt, oder es zum Partner gewählt hat, und sei es nur zum strategischen, muss
man es kritisieren dürfen. In lupenreinen Demokratien ist das so.
Verlag: Wieser 2008 Ausstattung/Bilder: 2008. Seitenzahl: 450 DeutschAbmessung: 222mm x 135mm x 35mm Gewicht: 605g ISBN-13: 9783851296891 ISBN-10: 3851296893
Atomkraft - Nein Danke? Ein Jahr nach Fukushima 12. bis 16. März 2012 in Kochel am See (Bayern)
Norbert Schreiber berichtet über die Folgen der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl
Seminarleitung:Joachim Neiß Erwachsenenbildner, Lahnau Frank Cornelius, Unternehmenskommunikation Fraport AG, FrankfurtReferent/innen: Marie-Luise Thüne, vice-PräsidentinLuftfahrt ohne Grenzen, Trägerin des Ehrenamtspreises 2010 des SWF, Frankfurt Frank Franke, Journalist, Präsident Luftfahrt ohne Grenzen, Frankfurt, Norbert Schreiber Journalist, Autor Initiator der Tschernobyl-Hilfsbewegung undGründer des Vereins Leben nach Tschernobyl eV. Simone Mohr, Dipl. Ing. Nukleartechnik und Anlagensicherheit, Öko-Institut Darmstadt Melanie Haubrich, Mitglied im SPD- Landesvorstand Hessen Stephan Grüger, Leiter Forum Neue Energien für Hessen, Wetzlar Roger Podstatny, Stadtverordneter, umweltpolitischer Sprecher derSPD Fraktion, Frankfurt
Die Lehren aus Tschernobyl für Fukushima – eine Literaturliste
Franke, Frank / Schreiber, Norbert / Vinzens, Peter Verstrahlt, vergiftet, vergessen Die Opfer von Tschernobyl nach zehn Jahren Insel Verlag, Frankfurt 1996 Journalistischer Report mit zahlreichen Abbildungen
Caufield, Catherine Das strahlende Zeitalter Von der Entdeckung der Röntgenstrahlen bis Tschernobyl C.H. Beck, München 1994 Chronologie der Entwicklungen
Jaroshinskaja, Alla Verschlußsache Tschernobyl - Die geheimen Dokumente aus den Kreml Basis Druck Verlag, Berlin 1994 Die Autorin dokumentiert 40 Geheimprotokolle aus den Kremlarchiven und stellt diesen die Sicht der betroffenen Bevölkerung gegenüber.
Karisch, Karl-Heinz / Wille, Joachim (Hrsg.) Der Tschernobyl-Schock Fischer-TB, Frankfurt 1996 Ein politischer Überblick
Medwedjew, Zohres Das Vermächtnis von Tschernobyl Daedalus Verlag, Münster 1991 Neben der detaillierten Beschreibung des Unfallablaufes und der ökologischen, medizinischen, landwirtschaftlichen und ökonomischen Folgen, geht es dem Autor auch darum, die politische Dimension zu verdeutlichen.
Moltmann, Bernhard, u.a. (Hrsg.) Die Folgen von Tschernobyl Herausforderungen und Auswege Haag+Herchen, Frankfurt 1994 Diskutiert Lösungsmöglichkeiten
Tschernousenko, Wladimir M. Tschernobyl: Die Wahrheit Rowohlt, Reinbeck 1992 Als einer der ehemaligen Chefliquidatoren war der Autor mit der Beseitigung der Folgen des Reaktorbrandes beauftragt. Aus seiner Sicht schildert er den Ablauf und die Auswirkungen der Katastrophe
Wirth, Hans J. Nach Tschernobyl - Regiert wieder das Vergessen ? Psychosozial-Verlag, 1994 Die Vcerdrängungsmechanismen
Tschernobyl - die Folgen des Supergaus Worobjow, Andrej I. / Gogin, Jewgeni J. Quitessenz Verlag, Berlin Die russischen Strahlenmediziner fassen die Erfahrungen in der Diagnostik und Behandlung durch ionisierende Strahlung geschädigter Menschen zusammen. Das Buch vermittelt sowohl Fachleuten als auch kritisch interessierten Laien neue Erkenntnisse.
Erika Suchardt / Lew Kopelew Die Stimmen der Kinder von Tschernobyl Verlag Herder, Freiburg im Breisgau 1996 ISBN 3-451-04476-5 Ein Buch, welches sich in erster Linie mit den Kindererholungsmaßnahmen in Deutschland beschäftig. Wirklich lesenswert.
Serkis, JiJ / Pintschuk, W-G. / Pintschuk. L.B. / Druschina, N.A. / Puschowa, G.G. Radiobiologische Aspekte der Tschernobyl-Katastrophe Elbe-Djepr-Verlag, Klitzschen 1994 ISBN 3 980 36 45 18 Wissenschaftliche Untersuchung zu den biologisch messbaren Folgen des Unglücks von Tschernobyl. Die Autoren sind Mitglieder der Akademie der Wissenschaften der Ukraine
Franzewitsch, L.I. / Gaitschowenko, W.A. / Kryschanowsij, W.I. Tiere im Strahlenfeld Elbe-Djepr-Verlag, Klitzschen 1994 ISBN 3 980 3645 2 6 Auswirkungen auf Flora und Fauna
Swetlana Alexewitsch Tschernobyl - Eine Chronik der Zukunft Berlin Verlag 1997 ISBN 3 8270 0215 x Eindringliche psychologische Porträts - literarisch bearbeitete Monologe -, die von Menschen berichten, die sich ihre Zukunft in einer Welt der Toten aufbauen müssen.
Klaus Traube Nach dem Super-Gau, Tschernobyl und die Konsequenzen Rowohlt Verlag, Hamburg 1986 Zusammenstellung der Ereignisse und Reaktionen unmittelbar nach der Katastrophe
Tschernobyl - Auswirkungen auf Umwelt, Gesundheit und Menschenrechte Permanentes Völkertribunal und Internationale Ärztekommission zu Tschernobyl ISBN 3-00-001500-0 Das Buch ist der Bericht über eine Verhandlung vor dem Permanenten Völkertribunal einer in Rom ansässigen NGO, über Tschernobyl
eine multimediale Dokumentation von Norbert Schreiber (Frankfurt a.M.)
Der langjährige Reporter und Hörfunkjournalist für Politik und Zeitgeschehen beim Hessischen Rundfunk, Norbert Schreiber, gab ein Jahr nach der Ermordung Anna Politkowskajas am 7. Oktober 2006 das Buch „Chronik eines angekündigten Mordes" heraus, in dem die Arbeit der bekannten russischen Journalistin und ihr Schicksal zum Symbol für den Zustand von Demokratie und Freiheit im heutigen Russland dargestellt wird. Denn nach dem feigen Auftragsmord wurde auch der westlichen Bevölkerung klar, wie weit das vom Kommunismus befreite Russland unter seinen Präsidenten Putin oder Medwedjev von dem entfernt ist, was man im Westen unter Demokratie und Einhaltung von Menschenrechten, Meinungs- und Pressefreiheit versteht. Der Autor hat in diesem Buch bereits die die erneute Kandidatur von Putin für das Präsidentenamt nach der Ära Medwedjew angekündigt. Die Prophezeiung des Russland-Experten ist eingetreten.
Norbert Schreiber wird in einer multimedialen Dokumentation den „Fall" Anna Politkowskaja, die nachfolgenden Aktivitäten und die neuesten Ermittlungsergebnisse präsentieren und zur aktuellen Präsidentenwahl in Russland Stellung nehmen.
Auszug aus einem Essay von Joachim Gauck aus: Hildegard Hamm-Brücher/Norbert Schreiber Demokratie, das sind wir alle. Zabert und Sandmann München
Joachim Gauck 1989 – Das Später kam früher
Wo beginnen? Mit dem ganzen Dunkel des Ostens, dem systemstypischen Grau, den abbröckelnden Fassaden, der täglichen Anpassung und Gewöhnung? Oder mit dem Druck, dem Schrecken und Erschrecken, der Hunderttausende aus dem Land trieb? Oder mit der Nostalgie, die den Bildern aus der untergegangenen DDR eine harmonisierende Sepia-Färbung verleiht?
Ich beginne mit dem Glück. Wir schrieben den 19.Oktober 1989. In der Rostocker Marienkirche drängten sich Tausende von Menschen. Sie waren nicht zum ersten Mal hier, sondern brachten schon in der Vorwoche ihren Wunsch nach Erneuerung der Gesellschaft zum Ausdruck. Das hatte andere motiviert, dazuzukommen, so wurden in anderen Kirchen Parallelgottesdienste mit exakt denselben Texten abgehalten. Wir Organisatoren dieser Veranstaltungen trugen über unsere Netzwerke Informationen von den sich neu bildenden Bewegungen und aus anderen Städten zusammen. All diese Menschen hatten gehört von den Montagsdemonstrationen in Leipzig seit September, von den Demonstrationen in Plauen seit Anfang Oktober. Sie hatten im Westfernsehen Tausende von Flüchtlingen in der Botschaft der Bundesrepublik in Prag gesehen, gehört von der Massenausreise in verriegelten Zügen über Dresden, sie hatten die Prügelorgien der Staatsmacht in Dresden und am 7.Oktober in Berlin beklagt und viele hatten für die Opfer Mahnwachen und Fürbittandachten organisiert. Aber auf der Straße waren sie bis dahin noch nicht gewesen. Was würde jetzt in Rostock geschehen? Fehlte uns der Mut der Sachsen? Mussten wir Mecklenburger uns an den Tankstellen im Süden beschimpfen lassen, weil es im Norden zu keinen „öffentlichen Kundgebungen gegen den Staat“ gekommen war?
Ich war damals seit fast zwanzig Jahren Pastor in Rostock, seit kurzem auch Sprecher des Neuen Forums. An jenem 19.Oktober 1989 predigte ich in der überfüllten Marienkirche - über Amos 5, 21-24, wo es unter anderem. heißt: „Ich bin euren Feiertagen gram und verachte sie und mag eure Versammlungen nicht riechen. Und ob ihr mir gleich Brandopfer und Speisopfer opfert, so habe ich keinen Gefallen daran… Es soll aber Recht offenbart werden wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein starker Strom.“
Der Staatsfeiertag am 7. Oktober 1949 anlässlich der DDR-Gründung vor 40 Jahren war erst wenige Tage vorbei. Wir alle in der Kirche hatten in den Nachrichten die Menschenströme gesehen, die an den Tribünen vorbeigezogen waren und der ergrauten Macht ihren Tribut gezollt hatten. Wir alle hatten uns dabei gesehnt nach einem Amos, einer Kassandra, einem Jan Hus oder einem Martin Luther King, der – so sagte ich damals – „das kollektive Unrechtsempfinden und die kollektive Sehnsucht nach Wahrheit und Recht“ ausdrücken würde. Aber war es nicht an einem jeden von uns, die Freiheit einzuklagen?
Da hörte ich mich auf einmal sagen, dass es Menschen gebe, die ihrer Angst ‚Auf Wiedersehen’ sagen und den aufrechten Gang trainieren: „Wir wollen nicht in der Schizophrenie unser Leben verbringen. Wir wollen hier leben in Wahrheit und Gerechtigkeit… Es gibt genug Stasi-Leute um uns herum, wir suchen die Stasi nicht in uns.“ Erst gab es eine Pause. Einige schluchzten. Dann fingen alle an zu klatschen.
... So beglaubigte die große ostdeutsche Freiheitsbewegung nach vierzig Jahren das Grundgesetz neu. Viele im Osten hätten es zwar besser gefunden, zur Vereinigung auch eine neue Verfassung zu schaffen. Aber die Grundrechte und die wesentlichen Bestandteile des Grundgesetzes wären in dieser Verfassung natürlich zentral veran-kert gewesen.
Hat die westdeutsche Gesellschaft von 1990 eigentlich dieses große Plebiszit für die parlamentarische Demokratie und ihr Grunddokument wahrgenommen? Hat sie den so vehement durchgesetzten Einheitswunsch wirklich in der Tiefe verstanden - nämlich als Entscheidung, dahin zu gehen, wo nicht wieder ein ideologisch unter-mauerter Versuch zur Schaffung eines Heilssystems unternommen werden sollte, sondern erprobte demokratische Realität waltete? Wie einfach war es 1990, Bana-nengier und Westgeldseligkeit als Triebkräfte der Ossis zu beschreiben. Derartiges aus einer so konsumorientierten Gesellschaft wie der westdeutschen zu hören, zu-dem nicht selten von Intellektuellen, war nicht nur peinlich, sondern zeigte erschre-ckende Wahrnehmungsdefizite
Zwar gibt es bis heute viel Fremdheit zwischen Ost- und Westdeutschen, einfach weil die Politik- und Lebenswelten so lange so unterschiedlich waren, aber die ’89er Politikziele und die politische Architektur der alten Bundesrepublik passen zueinander. Wie schön wäre es gewesen, mit der Einheit einen großen Zustim-mungsakt der Bevölkerung zur Verfassung zu ermöglichen.
Aber auch ohne ein solches Symbol bietet das Jahr 2009 den Deutschen die Gele-genheit, sich über ein doppeltes Ja der Nation zum europäischen Demokratieprojekt zu freuen: 60 Jahre Recht, Freiheit, Demokratie im Westen und 20 Jahre eine fried-liche Freiheitsrevolution im Osten. Und all das als ein Land, das in Freundschaft und Frieden mit seinen Nachbarn lebt.
Es war unglaublich. Wir waren das Volk. Und ich war dabei.
Seit 20 Jahren nenne ich dieses Land gern mein Land.
Von einer fünfwöchigen Indien-und Nepal-Rundreise wieder nach Europa zurückgekehrt. Stationen: Delhi, Agra, Kerala, Rajasthan, Kathmandu, Annapourna. Hier erste Fotoimpressionen aus Delhi und Agra
------------------------------------------------------------ Europa herabgestuft Die Stufen zur Währungsunion – ein kritischer Rückblick
Jens Peter legt eine Geschichte zur Währungsunion vor Kritisch-skeptisch-demokratietheoretisch
Von Norbert Schreiber
Hinterher wissen viele alles besser. Vorher nureinige…Und Rückblicke schaden nie. Der Berliner Journalist und Autor Jens PeterPaul, der sich schon in seiner Dissertation mit dem Thema Währungsunionauseinandergesetzt hat, veröffentlichte im Verlag Peter Lang, einem internationalen Verlag derWissenschaften, ein neues Buch über den Weg zur Währungsunion. Einefaktenreiche Geschichte darüber, wie die D-Mark ihren Geist aufgab und wie Kohlund Lafontaine die D-Mark abschafften, mit dem interessanten Hinweis darauf:Hans-Dietrich Genscher sei der eigentliche Ideengeber der Währungsunion.
Das Buch ist zugleich eine Mahnung an die Politik,politische Schnellschüsse zu vermeiden und mit einer ruhigeren Gangart inpolitischen Entscheidungsprozessen die politische Meinungs-und Willensbildungwieder fundierter werden zu lassen. Mehr Gründlichkeit statt Schnelligkeit. Sein Buch ist zugleich eine Kritik auch an den handelndenPolitikern und Institutionen, denen er einen „gefährlichen Mangel an Courageund Gestaltungswillen“ vorwirft.
Es gehe um Entscheidungshandeln von Individuen inKonfliktsituationen, um Gruppenzwang und die daraus resultierenden Risiken. Den Vater der Währungsunion Helmut Kohl sieht Paul „unterWert behandelt.“Zitat zum Einigungsprozess: „Funktionieren konnte das nur, weil Kohl inden Jahren zuvor ungeachtet allen Spotts systematisch Freundschaften,mindestens aber stabile Beziehungen aufgebaut und sich als verlässlicher,berechenbarer, gutmütiger, auch die Interessen der anderen stets im Blickhabender Deutscher bewiesen hatte, ein Ansehen, auf das er aufbauen konnte, alses über Nacht ernst wurde. Als hätte er es geahnt. Das war Staatskunst. Von dersich sein Nachfolger Schröder etwas hätte abschauen können.Kohl war ein Glücksfallder deutschen und europäischen Geschichte, eine bessere Besetzung für dieheiklen Jahre 1989 bis 1992 nicht denkbar. Willy Brandt und Joschka Fischer wusstendas. In Fischer hatte Kohl den zuverlässigsten Hüter seiner Europapolitik. Waswiederum Kohl wusste. ‚Dass der leider intelligenter ist in außenpolitischenFragen als der Bundeskanzler [Schröder], das kann ich bedauern.‘ Sagt Kohl.Über den Grünen.“Fazit der Analyse von Jens Peter Paul, er halte den Europa-und Währungsprozess für zerbrechlicher denn je— weil nicht „getragen von den Völkern und deshalb im Kern auch nicht von derenPolitikern. Nein — es geht hier um den Weg, um das Verfahren. Im Verfahren, inseiner Sorgfalt oder Nachlässigkeit, sind Erfolg oder Misserfolg eines Vorhabens,und sei es noch so ehrenwert, als unauslöschliche DNS angelegt, unsichtbarzunächst, aber sich den Weg ans Licht bahnend, wenn es an die Substanz geht: Inder Krise.“
Der Hörfunk-und Fernsehkorrespondent Jens Peter Paul,der auch in der Bundeshauptstadt als Wirtschaftsjournalist arbeitet, kommt zudem Ergebnis: “Die Europäische Währungsunion gleicht einem Versuch, denAndreasgraben mit Beton auszugießen. Für eine gewisse Zeit mag das dietektonischen Bewegungen zwischen den Volkswirtschaften blockieren. Irgendwannaber werden sich die aufgestauten Spannungen umso heftiger entladen. DieTurbulenzen innerhalb der Währungsunion im Zuge der Weltfinanzkrise 2008/2009sind ein Indiz, dass es tief unten im Fundament weiter arbeitet.“Vor allem in mangelnden Kommunikationsprozessen suchtder Autor die Ursachen für die Krisenentwicklungen der europäischen Währung unddes Einigungsprozesses.
Mangelnde Kommunikation
• der Regierung mit dem Volk: Glaubt uns, es ist zu Eurem Besten!
• des Volkes mit der Regierung:Wir suchen vergebens nachdem Sinn und fürchten uns!
• des Verfassungsgerichtes mit demParlament:Ihr dürft das tun, aberIhr müsst Euch der Verantwortung würdig erweisen
• der Demoskopen mit der Regierung:Hört auf uns, sonst werdet Ihr es bereuen!
• der Bundesbank mit der Regierung:Seht, es ist verkehrt,aber Ihr müsst es auch sehen wollen!
• der Abgeordneten mit ihren Wählern imWahlkreis:Ichhöre Eure Klagen wohl, doch mir sind die Hände gebunden!
Die Kommunikation, so das vorausschauende Urteil desAutors, zwischen Politikern und Wählern habe nicht funktioniert, sie hätten ineinem bestürzenden Maße aneinander vorbeigeredet. Regierung und Parlamentlernten seither nichts dazu, wie die Verfahren zeigen, mit denen sieEU-Osterweiterung, Verfassungsvertrag, Lissabon- Vertrag behandelten.Damit erreiche die Krise aber einen Überlebenskern derDemokratie: „Sachzwang essen Seele auf — die Seele unserer Demokratie.“
Und die Ursachen für die Fehlentwicklungen?Die Parlamentarier hätten keine Zeit mehr, sichintensiv mit den Gegenständen auseinanderzusetzen und handwerklich saubereGesetze zu fabrizieren. Fast wöchentlich werde ihnen erklärt, dass an diesem oder jenem Vorgang dasSchicksal ihrer Koalition hänge, die Zukunft Europas, mindestens aber eineMilliardenklage aus Brüssel wegen Zeitverzugs. Sie hasten von einer politischenBaustelle zur nächsten, deren Tiefe — etwa in der Finanz- oderGesundheitspolitik - nicht einmal mehr von der Ministerialbürokratie und denFraktionsexperten überschaut werde.
So ist diese Untersuchung, nach eigener Einschätzungdes Autors ein Plädoyer für mehr „Selbstbewusstsein und Courage. Wer seineMacht nicht verantwortungsbewusst nutzt, dem wird sie irgendwann weggenommen.“Politnostalgisch sehnt sich der Autor nach Zeitenzurück, „ …in denen sich der Bundeskanzler täglich zum Mittagsschlaf zurückzogund in dieser Stunde von Frau Poppinga erst ab Atomkrieg aufwärts gestörtwerden durfte.“ Die Internetrasanz und Talkshowhäufigkeit in derInterviewdemokratie lässt entschleunigtes Polithandeln längst nicht mehr zu,wenngleich dem Autor auch Recht zu geben ist, dass der Politik dieGründlichkeit in der Gesetzgebung abhanden kam. Jens Peter Paul: „So werden Glaubwürdigkeit undLegitimität nicht geschaffen, sondern zerstört. Entschleunigung tut not, sonstist die nächste Legitimitätskrise keine eingebildete mehr.“Wir stecken mittendrin.
Jens Peter Paul Zwangsumtausch. Wie Kohl und Lafontaine die D-Mark abschafften. Peter Lang. Internationaler Verlag der Wissenschaften. Frankfurt 2011
Mein neues Buch: Europa erlesen PFALZ Berge, Burgen und Bacchus Weck, Worscht und Woi
Die Pfalz – die Toskana Deutschlands. Mit Bergen, Burgen und Bacchus. Mit Weck, Worscht und Woi. Diese Pfalz-Anthologie, die im Herbst in der Reihe EUROPA ERLESEN erscheint, ist wie eine Weinprobe, sie bietet kleine Literatur-Schlückchen, um die Pfalz zu erproben. Die Pfalz, eine Landschaft zum Verlieben, ein grünes Rebenmeer und sanfte Berghügel des Pfälzerwaldes. Die Römer brachten den Wein, die Evangelischen die Reformation, die Franzosen die revolutionären Gedanken, das Hambacher Fest den Sinn für Freiheit und Demokratie. „Die Pfalz ist das Land des Lachens und der Literatur. Essen, Trinken, Feiern, Lesen und Genießen – der Pfälzer Imperativ“, schreibt der Herausgeber in seinem Pfalzbeitrag.
Der Erzählband bietet Landschaftsbeschreibung und Liedtexte, alte und neue Autoren, wieder entdeckte Literaten, Gedichte, Rezepte, Personenporträts, Geschichte und Geschichten. Der Leser findet bekannte Autoren wie Ludwig Harig und Joachim Ringelnatz, Pfälzer Mundartdichter wie Paul Tremmel oder Helmut Metzger, Literatinnen wie Lina Staab oder Martha Saalfeld. Die pfälzische Literaturlandschaft ist also ebenso beschrieben wie berühmte Persönlichkeiten. Porträtiert sind etwa Erika Köth, der Polarforscher Georg Neumayer oder die Reporterlegende Rudi Michels. FCK- und Fritz-Walter-Fans kommen ebenso auf ihre Kosten wie Saumagen-Freunde und Läwwerknepp-Genießer. Im Buch ebenso zu finden: Liselotte von der Pfalz, Sagen und Legenden, Wein, Weib und Gesang.
Mit weiteren Texten von: Adolph Freiherr von Knigge, Georg Büchner, Jakob Grimm, Wilhelm Grimm, Heinrich Heine, Leopold Jacoby, Helmut Seebach u. v. m.
Der Herausgeber: Norbert Schreiber, 1949 in Kaiserslautern geboren; zuletzt Hörfunkjournalist der ARD; Redakteur im Bereich Kultur, Bildung und Wissenschaft im Hessischen Rundfunk, erhielt den Robert-Bosch-Preis für ehrenamtliches Engagement in Osteuropa.
Zuletzt im Wieser Verlag erschienen: Russland – Der kaukasische Teufelskreis oder die lupenreine Demokratie (2008); in der Reihe Gehört-Gelesen: Närrisch an das Leben glauben. Lenka Reinerová im Gespräch mit Norbert Schreiber (2008); gemeinsam mit Lojze Wieser: Wie schmeckt Europa? (2009) und Europa weiter erzählen (2011)
Norbert Schreiber (Hg.) Europa erlesen: PFALZ ISBN: 9783851299359 ca. 250 Seiten, gebunden, Vor- und Nachsatz, Lesebändchen, Prägedruck EUR 12,95 / sfr 18,90
Kontakt für Presseanfragen: Norbert Schreiber NLSchreiber@t-online.de oder Tel. 09922- 804 9994
Aus dem Nachwort:
So oder zumindest so ähnlich muss das Paradies aussehen, in das wir doch alle so gerne kommen wollen. Machen wir also das Tor dort hin weit auf: Helles Sonnenlicht breitet sich über der Vorderpfalz aus, der Himmel blassblau und völlig wolkenlos, eine sonnendurchflutete Landschaft liegt uns zu Füßen – zum Verlieben. Da ist nichts Düsteres. Nur Helles, Lichtes, Luftiges. Die grünen Rebhügel schmiegen sich eng an die nicht steilen Haardt – Hänge des Pfälzerwald – Gebirges und bedecken die Flächen in der Ebene so weit das Auge reicht in den Süden und Norden und fast bis zum Rhein. An den Waldrändern sieht man die hohen stolzen Kastanienbäume in den Himmel wachsen, die dann im Herbst ihre genießbaren Früchte abwerfen und – auf dem Herd geröstet – so wunderbar schmecken. Natürlich mit Wein verkostet. Am besten mit dem helltrüben Federweißen, der noch etwas süß schmecken darf. Dem Neuen Wein aus aktueller Ernte.
Ein schier unendliches Rebenmeer ringsum verspricht: hier muss der Wein in Strömen fließen, und er tut es auch. Der Herrgott hat es gut gemeint mit der Pfalz, und deshalb glauben die Pfälzer auch an ihn, jedoch eher aus protestantischer Richtung. ER hat dem Landstrich ein mildes Klima geschenkt, dazu einen abwechslungsreichen Flecken Erde, gesegnet mit viel Wald – -und Weinlandschaft, ein Mittelgebirge mit engen romantischen Tälern, Weindörfern, die sich mit Fachwerk herausgeputzt haben und den Besucher in die verwinkelten Gassen und unzähligen Wein – Schenken lockt. Hier lass´ dich ruhig nieder. Und diese Pfälzer haben keine bösen Lieder, weil sie eben gerne in der Gemeinschaft singen. Pfälzer rücken dann am Tisch zusammen und lassen den Schoppen mit Schorle oder Wein kreisen.
Fast fünf Millionen deutsche Besucher und eine halbe Million Ausländer haben die Chance in gemütlicher Runde die fröhliche Pfälzerin und den lustigen Pfälzer kennenzulernen, denn dieser Menschentypus ist nicht auf den Mund gefallen und von Haus aus fremdenfreundlich und auf Kontakt aus. Notfalls lockert der Wein dann eben die Zunge. Und das Herz des Pfälzers schlägt immer schon europäisch. Die Franzosen als Nachbarn und inzwischen als Freunde, die US – Amerikaner als Arbeitgeber, frühe Städtepartnerschaften in der ganzen Welt, internationale Gäste bei den Weinfesten, ja Offenheit und Toleranz prägen den Charakter dieses Volksstamms. Die Pfalz ist das Land des Lachens. Essen, Trinken, Feiern, der Pfälzer Imperativ.
Grob geographisch gesehen liegt die Pfalz zwischen Mannheim und Saarbrücken – auf der Ost – Westachse und zwischen Mainz und Karlsruhe auf der Nord – Südschiene.
Im Herbst wachsen die reifen Feigen in den Mund, liegen die dicken Walnüsse auf dem Weinpfad, der von dichten Brombeerstauden begrenzt ist, hängen gelbe Zitronen in den üppigen Bauerngärten an den kleinen Bäumchen.
Man muss als Gast eine Genießerlaune mitbringen, um sich dem Pfalzgefühl ganz und gar hinzugeben.
Die Pfalz kann mit zwei Superlativen aufwarten, der größten zusammenhängenden Rebfläche und dem größten zusammenhängenden Waldgebiet in Deutschland, dem Pfälzer Wald, den der Pfälzer dudenwidrig auch zusammenhängend zusammenschreibt. Also heißt er Pfälzerwald.
Die hier vorliegende Anthologie Europa erlesen PFALZ muss sich in ihrer Auswahl beschränken und betont den Vorderpfälzer Raum an der deutschen Weinstraße.
Diese Pfalz – Anthologie ist wie eine Weinprobe, sie bietet kleine Schlückchen, um die Pfalz zu probieren.
Die Pfalz – die Toskana Deutschlands. Mit Bergen, Burgen und Bacchus. Mit Weck, Worscht und Woi. Die Pfalz, einfach ein gutes Gefühl.
Rezension der RHEINPFALZ "80 Geschichten über die Pfalz"
Es geht nicht nur um die aktuelle Finanzkriser. Europa steht auch vor anderen großen Herausforderungen. Aus Afrika kommen Flüchtlinge nach Europa, die bei uns ihre Zukunft suchen. Die Zustimmung der Bürger zu Europa schwindet. Auch die bevorstehende Energiewende stellt Europa vor gewichtige Aufgaben. Bisher wurde Europa als Erfolgsgeschichte erzählt, geprägt von der Aufklärung, den demokratischen Prinzipien und universellen Menschenrechten. Was aber sind die politischen, religiösen, sozialen und ökonomischen Zukunftsperspektiven des erweiterten Europas? Der Band „Europa weiter erzählen“ in der Reihe Geist & Gegenwart versammelt renommierte europäische Autoren, die ein differenziertes Zukunftsbild Europas entwerfen. Griechenland-Pleite, Kroatien-Beitritt, Türkei in die Europäischen Union?
"Wir haben es nicht geschafft die Weltarmut auch nur ansatzweise zu verringern, wir sind eher dabei die Kluft zu vergrößern. Die Versprechungen von Europa, was die Entwicklungspolitik angeht, sind nicht gelungen auch nur annähernd sichtbar zu machen für die Welt. Mittlerweile wird der europäische Kontinent schon bedroht, von den Menschen, die auf den Meeren schon krepieren, die an den Ferieninseln anlanden. Und wenn wir uns dieser Zukunftsfrage der Menschheit nicht annehmen, dann gnade uns Gott in diesem Europa." Rupert Neudeck - Journalist und Hilfsorganisation Grünhelme
EUROPA WEITER ERZÄHLEN: Vom Frieden und den Waffen "Friede ist nicht schon erfüllt, wenn Waffen schweigen. Friede braucht Gerechtigkeit." Norbert Blüm -Von 1982 bis 1998 war Blüm Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung der Bundesrepublik Deutschland
EUROPA WEITER ERZÄHLEN: Terrorismus-Waffen-Armut „Den Terrorismus muss man mit Waffen bekämpfen auch mit einer Weltpolizei, aber das ist alles vergeblich wenn die westlichen Demokratie nicht endlich ihre Weltwirtschaftspolitik ändern, die die Ursache ist für die immer größer werdende Armut, die dazu führt, dass heute 1,3 Milliarden Menschen weniger zum leben haben als der Gegenwert eines Dollars pro Tag ausmacht. Die Armut nimmt zu nicht ab. Das ist eine Feststellung der Weltbank.“ Heiner Geissler - Er war von 1982 bis 1985 Bundesminister für Jugend, Familie und Gesundheit und von 1977 bis 1989 Generalsekretär der CDU
EUROPA WEITER ERZÄHLEN: Zukunftshoffnung „Italien ist ein altes Land und wird auch Berlusconi überstehen.“ Klaus Wagenbach - Deutscher Verleger EUROPA WEITER ERZÄHLEN: Information und Illusion Es gibt eine Art Informations-Illusion. Man könnte auch sagen, viele wissen das know how, aber nicht das know why. Wissen ist etwas was man sich stärker durch Lebenserfahrung aneignet, durch die eigene Biographie, auch durch Leiden. Wir sind eher eine Informationsgesellschaft als eine Wissensgesellschaft. Roger Willemsen - Autor Journalist und Moderator EUROPA WEITER ERZÄHLEN: Zivilgesellschaft als Bündnispartner Wir haben die zehn neuen Länder in Europa wie im Traum dazugewonnen und entdecken nun wie wenig wir von ihnen politisch und kulturell wissen. Es ist ein Lernprozess und wenn er gelingen sollte auf diesem Erdteil eine Zivilgesellschaft einzurichten, die sich zugleich als Bündnispartner erfahren und ihre Differenzen auch gelten lassen könnten, dann wäre etwas gelungen, was es in der Weltgeschichte noch nie gab.“ Adolf Muschg - Schriftsteller Schweiz EUROPA WEITER ERZÄHLEN: Brüssel als Sündenbock „Das Merkwürdige an Europa ist, dass es für etwas verantwortlich gemacht wird, was in der Verantwortung der einzelnen nationalen Regierungen liegt. Ich hab manchmal den Eindruck, dass Brüssel zum Sündenbock gemacht wird. Hans-Dietrich Genscher - Deutscher Politiker (FDP) und Bundesminister des Auswärtigen a.D.
EUROPA WEITER ERZÄHLEN: Fehlende Legitimation Europa hat in den letzten 30 Jahren einen unglaublichen Modernisierungsprozess durchgemacht. Es geht Europa besser als wir denken. Und Europa hat am Ende die Zukunft. Das meinen auch die USA. In Europa hat man allerdings einen Fehler gemacht bei der Entwicklung der europäischen Union. Man hat die Leute nicht mitgenommen. In die Legitimation hat man nicht investiert. Das war nur ein technokratischer Prozess. Geert Mak - Niederländischer Schriftsteller und Essayist
EUROPA WEITER ERZÄHLEN: Von der Freiheit und Vielfalt „Es muss klar sein wofür dieses Europa eigentlich haben. Da ich der Meinung bin, dass Europa nur dann wünschenswert ist, wenn es einen Gewinn an Freiheit bringt, teile ich viele der Sorgen nicht, die sich manche Berufseuropäer machen. Auch das Europa der sechs war total zerstritten. Zu einem Europa der Freiheit gehört für mich auch, dass man keine Grenzen setzt, sondern dass man sich dann mit den Fragen auseinandersetzt, wenn sie auftauchen. Die Türkeifrage existiert. Ich habe eine viel offenere Europavorstellung als die die gängig ist. Ich liebe die Vielfalt. Und ein Europa der Vielfalt.“ Ralf Dahrendorf - Soziologe, Ehemaliger Direktor der London School of Economics and Political Science, Mitbegründer der Universität Konstanz und Mitglied des britischen House of Lords (†)
EUROPA WEITER ERZÄHLEN: Begriffsstutzigkeit "Das Volk hat das Umlernen, das globale Denken in europäischen Dimensionen noch nicht begriffen". Karl Dedecius - Karl Dedecius ist ein deutscher Übersetzer polnischer und russischer Literatur.
Norbert Schreiber, 1949 in Kaiserslautern geboren; Hörfunkjournalist der ARD; Redakteur im Bereich Kultur, Bildung und Wissenschaft im Hessischen Rundfunk; Robert-Bosch-Preis für ehrenamtliches Engagement in Osteuropa. Zuletzt im Wieser Verlag erschienen: Russland – Der kaukasische Teufelskreis oder die lupenreine Demokratie (2008); in der Reihe gehört-gelesen: Närrisch an das Leben glauben. Lenka Reinerová im Gespräch mit Norbert Schreiber(2008); gemeinsam mit Lojze Wieser: Wie schmeckt Europa (2009); in der Reihe Europa Erlesen: Böhmerwald (2007).
Lojze Wieser, 1954 geboren, lebt als Verleger in Klagenfurt/Celovec und legt den Schwerpunkt seines Programms auf südosteuropäische Literatur. Bei ihm sind über neunhundert Bücher erschienen. Die Reihe Europa Erlesen und die Wieser Enzyklopädie des europäischen Ostens erreichten Kultstatus.
Norbert Schreiber / Lojze Wieser (Hg.) Europa weiter erzählen Edition Geist & Gegenwart Wieser Verlag Klagenfurt 2011