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EUROPA ERLESEN Pfalz

So oder so ähnlich muss das Paradies aussehen, in das wir doch alle kommen wollen. Machen wir das Tor dort hin weit auf: Helles Sonnenlicht breitet sich über der Vorderpfalz aus, der Himmel blaßblau und wolkenlos, eine sonnendurchflutete Landschaft zum Verlieben. Da ist nichts Düsteres. Die grünen Rebhügel schmiegen sich an die nicht steilen Haardt-Hänge des Pfälzerwald-Gebirges und bedecken die Flächen in der Ebene so weit das Auge reicht. An den Waldrändern sieht man schon die hohen stolzen Kastanienbäume in den Himmel wachsen, die im Herbst ihre genießbaren Früchte abwerfen und die dann auf dem Herd geröstet so wunderbar schmecken. Natürlich mit Wein verkostet. Am besten mit dem Federweißen. Dem Neuen Wein aus aktueller Ernte. Ein schier unendliches Rebenmeer ringsum verspricht: hier muss der Wein fließen in Strömen und er tut es auch. Der Herrgott hat es gut gemeint mit der Pfalz, und deshalb glauben die Pfälzer an ihn, jedoch eher aus protestantischer Richtung. ER hat dem Landstrich ein mildes Klima geschenkt, einen abwechslungsreichen Flecken Erde, gesegnet mit viel Wald-und Weinlandschaft, engen romantischen Tälern, Weindörfern, die sich mit Fachwerk herausgeputzt haben und den Besucher in die verwinkelten Gassen und unzähligen Wein-Schenken lockt. Hier lass´ dich ruhig nieder. Und diese Pfälzer haben keine bösen Lieder, weil sie eben gerne in Gemeinschaft singen. Pfälzer rücken zusammen am Tisch und lassen dann den Schoppen kreisen. Fast fünf Millionen deutsche Besucher und eine halbe Million Ausländer haben die Chance in gemütlicher Runde die fröhliche Pfälzerin und den lustigen Pfälzer kennenzulernen, denn dieser Menschentypus ist nicht auf den Mund gefallen und von Haus aus fremdenfreundlich und auf Kontakt aus.  Notfalls lockert der Wein die Zunge. Und das Herz des Pfälzers schlägt immer schon europäisch. Die Franzosen als Nachbarn, die US-Amerikaner als Arbeitgeber, frühe Städtepartnerschaften in der ganzen Welt, internationale Gäste bei den Weinfesten, Offenheit und Toleranz prägen den Charakter dieses Volksstamms. Die Pfalz ist das Land des Lachens. Essen, Trinken, Feiern, der Pfälzer Imperativ. Grob geographisch gesehen liegt die Pfalz zwischen Mannheim und Sarbrücken – auf der Ost-Westachse und zwischen Mainz und Karlsruhe auf der Nord-Südschiene.   Im Herbst wachsen die Feigen in den Mund, liegen die dicken Walnüsse auf dem Weinpfad, hängen Zitronen in den üppigen Bauerngärten an den kleinen Bäumchen. Man muss als Gast eine Genießerlaune mitbringen, um sich dem Pfalzgefühl ganz und gar hinzugeben. Die Pfalz kann mit zwei Superlativen aufwarten, der größten zusammenhängenden Rebfläche und dem größten zusammenhängenden Waldgebiet in Deutschland,dem Pfälzer Wald, den der Pfälzer dudenwidrig zusammenschreibt. Also heißt er Pfälzerwald. An dieser Stelle gilt es, den vielen Mithelfern Dank zu sagen, insbesondere der Deutschen Bibliothek in Frankfurt am Main, der Pfalzbibliothek in Speyer, der städtischen Bibliothek in Neustadt an der Weinstraße. Mein Vater hat sein Pfalzarchiv geöffnet, Angelika Wilde-Kaufhold, Journalistin bei der örtlichen Zeitung RHEINPFALZ hat mich unterstützt, ehemalige Kolleginnen und Kollegen des PFÄLZER TAGEBLATTS, bei dem ich als Journalist volontiert habe, Judith Kaufmann,  Norbert Lewandowski und Günter Werner haben Artikel beigesteuert oder waren wie Gerhard Merz beratend tätig. Die Pfalz – die Toskana Deutschlands. Mit Bergen, Burgen und Barbarossa. Mit Weck, Worscht und Woi. Die Pfalz, einfach ein gutes Gefühl.


ADOLPH FREIHERR KNIGGE
GLÜCKLICHE PFÄLZER!  

Briefe, auf einer Reise aus Lothringen nach Niedersachsen geschrieben Heidelberg, den 17. Mai 1792   Kaiserslautern, wo ich die Nacht zubrachte, weil ich dort mit jemand zu reden hatte, scheint jetzt noch öder wie ehemals, seitdem die Kameralschule von da hierher nach Heidelberg verpflanzt worden ist. Bis Kaiserslautern läßt man zur linken Seite einige angenehme Ebenen liegen; von dort aus aber, bis nach Dürkheim, ist die ganze Gegend bergicht, aber höchst reizend. Dürkheim liegt auf einer dieser Anhöhen, und aus dem dort befindlichen Schlosse des Fürsten von Leiningen hat man eine angenehme Aussicht, die aber doch nicht zu vergleichen ist mit der, die in dem unfern von da gelegnen Städtchen Neustadt an der Hardt und in dem Dorfe Herxheim, wo der Baron von Reineck ein Gut hat, jeden bezaubert, der empfänglich für die Schönheiten der Natur ist. Sie kennen meine Vorliebe für die Pfalz; in diesem schönen Lande, und besonders in Freinsheim, Herxheim, Deidesheim und zu einer andern Zeit in Monzingen und Kreuznach, in Monsheim, in Weinheim, in Bretten und Zeizenhausen, habe ich glückliche, heitre Tage verlebt. Einst, von Kummer aller Art tief niedergebeugt und zum Mißmut hinabgesunken, machte ich eine Fußreise in der Pfalz umher, zur Zeit der Weinlese, und fand in den Armen teilnehmender Freunde, in dem Genusse unschuldiger ländlicher Freuden, in dem Anblicke der paradiesischen Naturszenen und in der freundlichen Aufnahme, die ich in der ganzen Nachbarschaft umher bei gastfreien, frohen Menschen genoß, den verlornen Frieden wieder. Ich wohnte bei Freunden, die in dieser der Fröhlichkeit gewidmeten Zeit so viel Zuspruch hatten, daß unsre jovialische Gesellschaft vielleicht mehr Wein des Tages über austrank, wie des Abends gekeltert wurde. Des Morgens nach dem Frühstücke ging die ganze lustige Bande hinaus zum Traubenlesen, die dann in großen Gefäßen auf Karren nach Haus gefahren wurden. Mittags speiste man mit so gutem Appetit, wie man ihn von Menschen erwarten kann, die sechs Stunden lang in freier Luft gearbeitet haben. Nachmittags ging wieder das Traubenlesen an; abends aber, wenn draußen nichts mehr zu schaffen war, zog man nach Hause. Da setzten sich dann die ältern Damen und Herrn zum Kartenspiele, und wir andern jungen Leute gingen hinunter in den Hof, wo die Kelter stand. Hier war ein Lämpchen aufgehängt, das zugleich den Arbeitern Licht gab und den kleinen Grasplatz erleuchtete, auf welchem wir, nach einer einzigen Geige, die ein alter Invalide aus dem Dorfe spielte, lebhafter und mit fröhlichem Herzen herumsprangen, wie wenn uns, im vergoldeten Saale, bei dem Scheine der Wachskerzen auf kristallnen Kronleuchtern des Kurfürsten Oboistenchöre die Ohren betäubt hätten. Das Haus war klein; nur während dieser Jahrszeit pflegte sich mein Wirt mit seiner Familie da aufzuhalten, und der Gäste waren viele; sie wurden zum Teil bei den guten Nachbarn einquartiert; auch behalf man sich, so gut es gehn wollte. Leute, die sich nie in ihrem Leben vorher gesehn hatten, schliefen, zuweilen zu zwei Paaren, in einem Zimmer. Des Morgens, wenn die ganze Gesellschaft sich zu gleicher Zeit ankleiden wollte, fand sich oft nicht ein Plätzchen, wo man ungesehn Wäsche wechseln konnte. Da stellte sich dann der, welcher diese Operation vorhatte, in eine Ecke, und die andern mußten, auf ein gegebnes Zeichen, sich mit den Gesichtern nach der gegenseitigen Wand hinkehren. So zwanglos verstrichen die kurzen Tage! Aber einen so leichten Ton im Umgange kennt man auch nur in den Weinländern; in den nördlichen Gegenden von Teutschland, wo Bier und Branntewein und eine Menge materieller Speisen und die feuchte Luft die Menschen träge, schwerfällig, mißlaunicht und bedenklich macht, da wird alles abgemessen und abgezirkelt, und während man sorgfältig überlegt, ob dieser oder jener kleine, unschuldige Schritt sich mit den unzähligen Konventionen und Rücksichten vereinigen läßt, entflieht der Augenblick des Genusses. Glückliche Pfälzer!

Pfalz

Norbert Schreiber (Hg.)





ca. 250 Seiten, gebunden, Vor- und Nachsatz, Lesebändchen, Prägedruck


EUR 12,95 / sfr 18,90

Die Pfalz – die Toskana Deutschlands. Mit Bergen, Burgen und Bacchus. Mit Weck, Worscht und Woi. Diese Pfalz-Anthologie in der Reihe EUROPA ERLESEN ist wie eine Weinprobe, sie bietet kleine Literatur Schlückchen, um die Pfalz zu erproben. Eine Landschaft zum Verlieben, ein grünes Rebenmeer und sanfte Berghügel des Pfälzerwaldes. Die Römer brachten den Wein, die Evangelischen die Reformation, die Franzosen die revolutionären Gedanken, das Hambacher Fest den Sinn für Freiheit und Demokratie. Die Pfalz ist das Land des Lachens und der Literatur. Essen, Trinken, Feiern, Lesen und Genießen – der Pfälzer Imperativ.
Mit Texten von: Adolph Freiherr von Knigge, Georg Büchner, Jakob Grimm, Wilhelm Grimm, Heinrich Heine, Leopold Jacoby, Helmut Seebach, Georg Büchner u. v. m.



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